Grabungsbericht MMXXVI.I
AUF DEM SEZIERTISCH
* WAZZARA / Arbor
* DEFACED / Icon
* SPACEBRAIN / Endless Ways
* BEDRÄNGNIS / Stiller Abschied
* DE L'ABÎME NAÎT L'AUBE / Initiation
* CONJURING / Memento Mori
* IMPURE WILHELMINA / Le Sanglot
WAZZARA / Arbor (Independent, 13. Februar 2026)
von C. Sturzenegger
Ursprünglich als Soloprojekt von Barbara 'Babs' Brawand 2015 ins Leben gerufen, reifte WAZZARA im Laufe der Jahre (und einer kurzen Pause) zur Band heran. Mit Arbor liegt ihr nunmehr zweiter Longplayer vor, wobei für die Aufnahmen einmal mehr Andrei Jumugă von Dordeduh gewonnen werden konnte. Die Eigenproduktion enthält acht Songs die dir fünfzig Minuten Lebenszeit schenken.
Ins Geschehen hinein geholt wirst du mit wehenden Winden, Wellen, die an die Gestade eines Sees plätschern plus womöglich sich darüber lagernde Nebelschwaden. Schleppend schwere Gitarren spielen in die Szenerie hinein, kurz darauf fährt Babs Raugesang schneidend in Knochen, wechselt unversehens ins Ätherische, dem Licht entgegen… einer Hoffnung vielleicht. Doch weisst du bereits, dass dort, wo Helle wirkt, Dunkel nicht weit sein kann.
Was gewiss eine der Stärken von Arbor darstellt: jenes mit erstaunlicher Leichtigkeit überwundene Antagonistische, dass Verbindung geschaffen werden kann vom einen Gegensatz zum andern. Was Babs vokaler Darbietung zu verdanken ist, wie auch den Instrumentalisten Tom, George und Marcel, die kunstvoll, jedoch ohne unnötige Effekthascherei gerade mal so viel beitragen, wie notwendig ist.
Melodien verwachsen organisch ineinander oder aber überlagern einander, dass insgesamt ein Fluss entsteht, der durch sämtliche Songs strömt. Die differenzierte Produktion leistet das ihre, wobei genügend Reibflächen stehengelassen wurden, um Atem zu ermöglichen.
WAZZARA ist mit Arbor ein totalentspanntes Album gelungen, welches sich von knisternder Spannung durchdrungen zeigt. Hier spielt eine Band, die sich gefunden hat, denkst du, wenigstens im Entstehungsprozess zu Arbor. Hervorzuheben ist einerseits Babs gesangliche Darbietung, jene Leichtigkeit, mit der sie Couleurs wechselt, sowie das Zusammenspiel insbesondere der Saitensektion, die wie aus einem Guss daherkommt. Kurzum ein Gesamtwerk, wo die Balance stimmt, vor allem aber dem Ungehobelten nicht die Krone gebrochen werden will. Eine Empfehlung!
[Wertung: 4.0/5.0]
DEFACED / Icon (Massacre Records, 20. Februar 2026)
von P. Weber
11 Jahre sind eine lange Zeit. Zumindest in der metallischen Welt, wo man nach einer Dekade Funkstille durchaus schon mal für tot erklärt wird. Statt vorschnell Halbgares zu servieren, zog man sich bei DEFACED ins heimische Tunnelsystem zurück. Wer die Jungs im letzten Frühling an unserem heavymetal.ch-Festival erleben durfte, weiss, dass Sänger Thomas Gertsch da vorne steht wie ein Hardcore-Priester – Outfit NYHC, Stimme höllisch (gut!). Der Opener The Antagonist walzt dann auch wie ein Rammbock aus den Boxen. Autoritarismus, Massenüberwachung und psychologische Manipulation – erzählt aus der Perspektive des Unterdrückers höchstpersönlich. Doch wäre es zu simpel, DEFACED auf Geschwindigkeit zu reduzieren. Was das Quintett auszeichnet, ist der Instinkt fürs Detail: Im getragenen Perception lotsen Sprechpassagen und schweres Riffing gemeinsam durch episches Terrain, bevor alles wieder im Feuer versinkt. Überhaupt lässt sich Icon mit absoluter Aggressivität, Black-Metal-Atmosphären und einzelnen melodisch-harmonischen Einsprengseln schwer in eine Schublade pressen. Nicht alles sitzt auf Anhieb. Einzelne Tracks verlieren sich im Klanggewitter. Aber dennoch: "Comeback" mit Anlauf. DEFACED liefern nach einer ewigen Pause ihr stärkstes Werk ..mit mehr Nuancen, als der erste Überfall ahnen lässt.
[Wertung: 3.5/5.0]
SPACEBRAIN / Endless Ways (Independent, 6. März 2026)
von P. Weber
Mit Endless Ways liefern die Westschweizer Spacebrain ihr erstes, vollständiges Lebenszeichen ab. Hinter der Band stehen keine Frischlinge, sondern drei Musiker, die zuvor bereits gemeinsam in Hardcore- und Psychedelic-Projekten unterwegs waren. Aus dem ruppigen Punk-Gerüst der früheren Formation Hellbrain entwickelte sich über die Jahre zunehmend etwas Schwereres, Atmosphärischeres - zuerst unter dem Namen Space Garden, nun Spacebrain. Dabei funktioniert Endless Ways weniger als klassische Songplatte, sondern vielmehr als zusammenhängender Trip durch staubige Psychedelic-Landschaften. Zwischen verspielten, beinahe verträumten Passagen und plötzlich auftürmenden Fuzz-Wänden bewegt sich das Trio mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit. Referenzen an Genregrössen wie Lowrider, Spaceslug oder auch frühe Dozer drängen sich stellenweise durchaus auf. Etwas zwiespältiger fällt dagegen der Gesang aus. Die Vocals fügen sich zwar stimmig in den verträumt-psychedelischen Gesamtfluss ein, entwickeln aber nicht immer jene Durchschlagskraft, die manchen Passagen zusätzliches Gewicht verleihen könnte. Dazu kommt ein ziemlich präsenter Akzent im Englischen, der je nach Hörgewohnheit entweder charmanten Underground-Charakter versprüht oder eben leicht aus dem Flow reisst. Tatsächlich könnte man sich das Ganze sogar problemlos in französischer Sprache vorstellen - vermutlich würden sie dadurch nochmals eine eigenständigere Note erhalten. Letztlich bleibt das aber klar Geschmackssache und dürfte nicht bei allen gleich stark ins Gewicht fallen. Dass Endless Ways trotz seiner überschaubaren Laufzeit hängen bleibt, liegt vor allem an seiner Stimmung. Diese Musik will nicht hetzen, sondern langsam einsickern - ideal für nächtliche Fahrten, verrauchte Keller oder gedankliche Ausflüge in den Wüstenstaub.
[Wertung: 3.0/5.0]
BEDRÄNGNIS / Stiller Abschied (Independent, 27. März 2026)
von P. Weber
Wer unser Review zum Vorgänger kennt, erinnert sich an den abschliessenden Wunsch: etwas mehr Eigenständigkeit, etwas mehr Mut zum Ausbruch. Nun, die Ostschweizer haben zugehört. Oder auch nicht – und es schlicht selbst herausgefunden. Seis drum. Stiller Abschied, das zweite Werk des Duos, ist eine Antwort, die sich hören lässt. Getauft wurde die Scheibe bei uns standesgemäss mit einer Flasche Hochprozentigem, am 25. April 2026 im Werk 21. Kaum passender für ein Album, das einem den Boden wegzieht. Gäste, die dabei waren, dürften den Abend nicht so schnell vergessen. Bedrängnis stehen nach wie vor für depressiven Black Metal. Doch was auf dem Vorgänger manchmal noch etwas geradlinig daherkam, hat sich auf "Stiller Abschied" zu etwas Reifem, Rundem entfaltet. Die Melodik ist breiter geworden, die Kompositionen abwechslungsreicher – und dennoch bleibt die Bedrohlichkeit stets spürbar im Raum stehen. Über sieben Tracks hinweg entfaltet sich eine emotionale Fahrt, die von unruhigeren, helleren Momenten in zunehmend dichte, beklemmende Passagen versinkt. Bemerkenswert ist auch, was ausserhalb der Musik entstanden ist: Die Videoclips zum Album bewegen sich auf einem Niveau, das man schlicht nicht erwartet hätte. Handwerklich und ästhetisch auf höchstem Stand. Ein visueller Ausdruck, der dem musikalischen Inhalt in nichts nachsteht und zeigt, dass hier jemand sein Werk in seiner Gesamtheit ernst nimmt. Bedrängnis liefern mit Stiller Abschied ein absolut hervorragendes Werk. Mit einem Eigengesicht, das nun klar und unverwechselbar ist.
[Wertung: 4.0/5.0]
DE L'ABÎME NAÎT L'AUBE / Initiation (Hypnotic Dirge Records, 15. April 2026)
von C. Sturzenegger
DE L'ABÎME NAÎT L'AUBE unternehmen auf ihrem Debut Rituel: Initiation den stilistischen Brückenschlag zwischen AMENRA und (irgendwie) HEILUNG. Shamanic Post Metal nennen sie ihr Produkt denn gleich selbst, was zumindest den Erwartungswert zu treffen vermag. Die französisch intonierten Texte kommen rätselhaft mystisch daher, dass wir uns quasi körperlos in einer Anderwelt bewegen, wo Gestern und Morgen ineinander zu verfliessen scheinen. Eine Stimmung, die während der vier (allesamt die 11-Minutengrenze knackenden) Songs gehalten werden kann, ohne an Stringenz einzubüssen. Die beiden Gesangsstimmen kontrastieren auf nahezu perfekte Weise. Sébastiens gequält keifende Vocals, die für das Körperliche stehen mögen, darübergelegt Fantines träumerische Klarstimme. Die Instrumentierung wirkt knapp aber wirkungsvoll angelegt, der Mix schafft den Spagat von fassbar/konkret (Riffgeschichten, Drums) hin zu in Ewigkeiten reichende Klangbilder. Ein rundum ausgewogenes Stück Musik, sind wir uns einig...
Kritik setzt denn auch beim allzu Ästhetischen an, wo gerade der Vergleich mit (zum Beispiel) Amenra hinkt. Gelingt es diesen, ins schier unaushaltbar Existentielle hineinzugeraten, bleiben DANA für mich zu sehr im Ästhetischen verhaftet. Hoffen wir, dass sich ihr Potential beim nächsten Wurf mit etwas Mut und Experimentierfreudigkeit paaren lässt und sind gespannt!!!
[Wertung: 3.5/5.0]
CONJURING / Memento Mori (Hypnotic Dirge Records, 8. Mai 2026)
von P. Weber
Es ist immer wieder erstaunlich, was in den Untiefen des Black-Metal-Untergrunds so alles vor sich hin gärt, ohne dass man es sofort auf dem Schirm hat. Hier haben wir so einen Kandidaten. Gänzlich unter meinem Radar geistern CONJURING durch die nebelverhangenen Randgebiete des Black Metal-Untergrunds und bringen mit Memento Mori über das kanadische Label Hypnotic Dirge Records bereits den vierten Output innerhalb von 6 Jahren an den Start. Viel lässt sich über das maskierte Ein-Mann-Projekt aus der Schweiz nicht finden - ausser, dass die bevorzugte Selbstdarstellung irgendwo zwischen Wäldern, schroffen Berglandschaften und bewusst gepflegter Anonymität pendelt. Man kennt das Bild, man erwartet den üblichen „Kassettenrekorder-im-Schneesturm“-Sound. Doch weit gefehlt: Die Produktion von „Memento Mori“ bewegt sich auf einem überraschend guten Niveau. Hier scheppert nichts unkontrolliert. Der Sound ist druckvoll und klar, ohne die nötige finstere Atmosphäre zu verlieren. Musikalisch gibt es soliden, höchst atmosphärischen Black Metal, der ausgeklügelt und durchdacht wirkt. Keine Revolution aber ein bemerkenswert souveränes Lebenszeichen aus der zweiten Reihe - von jener Sorte, die man zunächst beiläufig anwirft und wenig später erstaunt feststellt, dass sie längst die gesamte Aufmerksamkeit absorbiert hat.
[Wertung: 3.5/5.0]
IMPURE WILHELMINA / Le Sanglot (Seasaon of Mist, 22. Mai 2026)
von C. Sturzenegger
IMPURE WILHELMINA beliefern die Post-Rock/Metal Szene seit 1996 in beeindruckender Regelmässigkeit mit Qualitätsprodukten, die sich über Alpen-/Rheingrenze hinaus messen lassen. Le Sanglot stellt – je nach Zählweise – Nummer Neun dar. Die Messlatte liegt hoch, blickt man auf ihr 2021er Album Antidote zurück - oder aber dessen Vorgänger Radiation (2017). Um es gleich vorwegzunehmen: Dem aktuellen Werk gelingt es lediglich auf Ebene der einzelnen Songs, vollumfänglich zu überzeugen. Le Sanglot vermittelt eine durchgehend melancholische Note, welcher eine Art Gleichmässigkeit anhaftet, der es letztlich an Drama mangelt. Zudem musst du mit einer Gesangsstimme leben, die – ausser auf Train Mort – sich keinerlei Rauheiten gönnt. Obwohl Gitarren wacker dagegen halten, synkopieren, dissonieren, können (oder wollen) sie der Monotonie nie so richtig Herr werden. Im Rahmen einzelner Songs funktioniert dies wunderbar, in der Abfolge derselben kann aufgebaute Stimmung sich nicht halten - oder steigern. Larmes de joie zum Beispiel besticht durch nahezu meditativen Spannungsaufbau, überraschend thematische Variationen sowie präsente Rhythmisierung, verliert in der Eingebundenheit in Vorher und Nachher jedoch an Bedeutung.
Fazit
Le Sanglot stellt ein sorgfältig gemachtes Album dar, worauf es den Genfern gelingt, meditativ schwingende Momente zu erzeugen, die nachhallen. Jeder einzelne Track kann als Höhepunkt gelten, zusammengenommen jedoch verlieren diese an Wirkung. Über die knapp sechzig Minuten hinweg ändert sich die Grundstimmung des Albums nicht wesentlich. Mir fehlt zuweilen Wut, fehlt Verzweiflung, fehlen Ecken und Kanten, die den Longplayer zu einem Gesamterlebnis machten.
[Wertung: 3.0/5.0]
HeAvYmeTaL.ch hält sich an bewährte AMG-Skala, welche wie folgt transkribieren:
5.0 – Ikonisch orgastisch
4.5 – Exzellent
4.0 – Hammer
3.5 – Sehr gut
3.0 – Gut
2.5 – Gemischt
2.0 – Klar in Richtung Enttäuschung
1.5 – Einfach bloss schlecht
1.0 – Traumatisch
0.5 – Lebensrettende Massnahmen erforderlich
0.0 - R.I.P.
HeAvYmeTaL.ch ist ein gemeinnütziger Verein, der die Schweizer Metalszene nach Kräften unterstützt. Falls du einen Beitrag leisten willst: Von der eigenen Mitgliedschaft bist du DIESEN EINEN KLICK entfernt.
Verspürst du gar Lust, dich redaktionell zu betätigen, schreibst du uns am besten.