Daily Notes vom MYSTIC FESTIVAL 2026

Warm Up Day

Fotos siehe HIER.

Anflug ab Zürich, Wolkendecke von oben, dann Kofferkarussell in der Wartehalle, anschliessend Taxifahrt ins Zentrum der Danziger Altstadt. Unser Appartement liegt auf der vierten Etage mit Ausblick auf Zinnen und Dächer, leider ohne Lift. 

Der Weg zum Gelände dauert eine gute halbe Stunde, währenddessen mehr und mehr fast ausnahmslos dunkel Gekleidete dazu stossen. Denk ehrfurchtsvoll gen Hades gesenkten Blickes vollführte Prozession, derweil erste PA-Geräusche herüber schwappen gleich Lärm, den wir als Musik bezeichnen. Kunst gar. 

Einlass zum Festival dauert ein Weilchen, weil Badges noch angeliefert werden müssen, wie es heisst, oder aber wir kein Polnisch verstehen plus sonst so Maladitäten. Letztlich jedoch werden unsere Handgelenke mit Bändern aller Farben verschnürt, Laminate um den Hals gelegt, worauf wir (auf angemessen düster schwarze Weise) äusserst zufrieden sind. Diese Art tiefenentspannte Gelassenheit, die sich auch dann nicht verflüchtigt, als DOLA gerade dann zum Schlussakkord ansetzen, als wir gerade um die Ecke biegen. Dumm gelaufen.

Stattdessen ziehen wir uns frohen Mutes DISHARMONIC ORCHESTRA rein, die von der Sabbath Stage herunter gleichnamige Halle beschallen. Seit den späten Achtzigern weigern sich die Österreicher beharrlich, musikalisch stehenzubleiben, wobei es ihnen gelungen ist, einen illustren Bogen von Grindcore zu Todesmetall zu Avantgarde zu spannen. Das Trio bietet ein schräg vertracktes Set, angereichert mit funky geslappte Bassseiten, Rap-esken Gesangsvariationen sowie progressiv-Episoden, was mitunter ansatzlos in eine bereits glühende Death'n'Grind Pfanne geschlagen wird. Unterm Strich nichts, was man nicht bereits schon gehört hätte, doch ist (und bleibt) stets die Frage nach dem WIE entscheidend, worauf DISHARMONIC ORCHESTRA eine griffige Antwort zu geben vermögen.

Nach einer Futterpause in der Nachbarschaft drängeln wir vor die Parkstage, wo SIX FEET UNDER eine Portion Todesmetall bereithalten. Der «Pit» präsentiert sich ordentlich gefüllt. Manche der Fotoleute kennt man noch von letzten Jahren, andere weniger oder gar nicht, weitere scheinen zu jung, um überhaupt hier zu sein. Die Jungs um Chris Barnes (ex-CANNIBAL CORPSE) performen aus-dem-Bauch-raus-Florida-DM mit notwendigem Groove, perfektem Timing, dazu sog. catchy Refrains. Geradeso muss es sein und bleiben, doch gelingt es den Amis nicht so recht, angefachtes Feuer am Laufen zu halten. Melodiöse Refrains à la Stadion-DM gelangen an unsere Ohren, langatmige Quietschsolos sowie Kompositionen, denen es ebengerade an catchy mangelt. Wobei uns zu dürsten beginnt und wir nächste Brause ansteuern, was man «Konzept entgegenhalten» nennt.

Um 21:30 folgen THROWN auf der Desert Stage, jener lauschiger Spot im Windschatten einer Fertigungshalle. Als Nu Metalcore wollen die Schweden ihren Style verstanden haben, wobei die Überväter des Crossover Boom der 90er Jahre allzu deutlich herauszuhören sind. 

Auf dem Weg zur nächsten Tränke queren wir die Sabbath-Hall, wo UNLEASHED gerade ihre Instrumente quälen, was nicht hinreicht, unsere Schritte zu verlangsamen. Sorry, Jungs!

A.A. WILLIAMS spielt (zuweilen hart dissonanten) Alternativ-/Indie-Rock, während Band und Sängerin sich auf der winzigen The Void-Bühne fast schon auf die Füsse stehen. Im Pressebereich dasselbe. Um sich dem Bann der charismatischen Songwriterin zu unterziehen, haben sich erstaunlich viele Menschen eingefunden. Williams gelingt es, Alltäglichem Erhabenes abzugewinnen, wobei jeder Song eine Steigerung für sich darstellt. Stilistisch würde ich das Ganze als Roadkill-Chansons bezeichnen, weil stets sich was im Kühlergrill zu verfangen scheint. Das aktuelle Album der Britin heisst im Übrigen Solstice und ist seit Kurzem erhältlich.

Gleich danach entern ICE NINE KILLS die Parkstage, wo sie ihr All-In-One Paket präsentieren. Die Amis schaffen den Brückenschlag von Punkrock zu Refrainkitsch zu [...wünsch dir was...], was tricky arrangiert daherkommt. In Hosenträgern und makelloser Bürogewandung frönen die Weithergereisten der konsequenten Artigkeit, dass Mama zu Hause keine Angst zu haben braucht. Dennoch: Cooler Bandname!

Um NEPTUNIAN MAXIMALISM nicht zu verpassen, machen wir uns unverzüglich auf die Socken. In ihrem Werk nähern sich die Belgier um Guillaume Cazalet dem Ende der Anthropozoischen Ära (kannst du selbst gurgeln) an, was als Ansinnen für sich mal bestimmt keine Neuigkeit darstellt, andererseits ich beim besten Willen nicht weiss, wie deren Musik sonst so verstanden werden kann. Genremässig bewegen wir uns im experimentellen Drone/Doom-Bereich, fusioniert mit Jazz-Elementen. Oder umgekehrt. Woraus ein schleppendes Amalgam resultiert, in welches du hineinhörst, wie etwa Kontinentalverschiebung oder aber wachsendes Gras. Am MYSTIC FESTIVAL spielen sie gerade mal ein einziges Stück, das – Setlist.fm sei Dank – Shades of Kauns genannt werden will. Über ein längeres Intro geraten die Vier in eine meditativ schwingende Stimmung und nehmen Zuhörer/innen auf eine Reise mit, die ein jede/r für sich selbst beschreiben soll. Dass wir darob KANONENFIEBER verpassen, ist mehr als egal. Der Tiefe diesseits wegen respektive Mangel derselben dortseits zum Beispiel.

Den Festivaltag lassen wir im Bar Polskie Kino ausklingen.

Day One

Fotos siehe HIER.

Morgens geweckt durch Kopfgedröhns und üblen Kater vermutend. Doch handelt es sich um das Glockenspiel der (sehr) nahen St. Marienkirche, woran man sich erst mal gewöhnen muss. So oder so hängen wir erst mal rum, sortieren Fotos, lesen (oder tun so), bis so um Mittagszeit Zeit für Frühstück reif geworden ist. Verrührte Eier, Blutwurst, Krautvariationen, Fischwaren, ... du hast die Qual der Wahl.

Ans Festival gelangt, empfangen uns HEATHEN aus San Francisco mit solidem Thrash, was kombiniert mit Bier Nr. 1 (sic!) sich zunehmend leidlich anfühlt. Mehr gibt’s derweil nicht zu berichten, ausser, dass CIŚNIENIE ihr Set (aus unerfindlichen Gründen) ohne uns spielen. Eine Schande!

Genauso wollten WINTERFYLLETH nicht warten und sind bereits dabei, die Sabbath Halle mit schneidend nordumbrischem BM zu vereisen. Sie spielen diese Art rasant hymnischen Schwarzmetall, dem gleichsam Schwere und Leichte innewohnt. Aufgrund CO2-Schwaden plus menschlicher Kondensate sieht man von hinten zwar kaum zur Bühne, doch werden wir mit glasklarem Sound konfrontiert. Ein Highlight, sind wir uns einig.

OVERKILL sind als nächste dran, heisst in die Achtziger gebeamt, als die Truppe ihre grössten Erfolge feierte. Unverdienterweise schafften sie den Anschluss an die Big Four (plus-plus-plus) nie so richtig gefunden, woran mitunter das ununterbrochen drehende Mitarbeiterkarussell Mitschuld hat. Hast du dich immer mal wieder neu zu (er)finden, verlierst du am Ende. Wovon jetzt und heute jedoch nichts zu sehen & hören ist, denn die Männer überzeugen musikalisch wie von der Performance her. Bobby "Blitz" Ellsworths Vocals liegt die notwendige Aggressivität zugrunde, die Instrumentalsektion schafft eine fugendichte Wand. Ihr Set eröffnen sie mit Scorched vom gleichnamigen Album, in der Folge thrashen sie sich quer durchs Potpourri und stöpseln nach Fuck You von den SUBHUMANS ihre Geräte aus. Ein lohnender Gig, der Zuversicht macht auf Altern in Würde.

Entsprechend kriegen wir von ESCUELA GRIND gerade mal die letzten Songs mit, was vollumfänglich reicht, von ihrem Powermanagement zu überzeugen. Auf dem Vorplatz der The Void Bühne herrscht angebrachtes Getümmel, während die Amis Riff um Riff in die Meute pfeffern, dass unversehens dir jenes «insane» Grinsen ins Gesicht fährt, welches Jack Nicholson einst berühmt gemacht hatte.

Anschliessend einmal mehr zur Trattoria Al Dente an der Rjska 12, welcher wir über die Jahre treu geblieben sind. Ein wahrer Tipp, wiewohl du Finger und Gaumen von mit «Inferno» bezeichneten lassen sollst. Food-Grind der fatalsten Sorte, wenn du so willst. ANTHRAX hat damit im Grunde gar nichts zu tun, ausser eben, dass sie zur Zeit des Leidens auf der Hauptbühne musizieren. Wobei du dich fragen darfst, wo besser gelitten werden kann.

Für MARDUK muss man sich gedulden, wenigstens herrscht auf und hinter der Bühne emsiges hin und her. Doch keine Band.

Mit Blick auf die Uhr verzichten wir zugunsten CAVALERA CONSPIRACY auf den Auftritt der Schweden, was leichter fällt, als scheinen mag. Die Brüder (wieder-) vereinigt auf einer Bühne zu sehen, schliesst so in etwa die Lücke bereits erlebter Cavalera-Kombinationen, dazu noch drischt Max jüngster Sohn Igor Amadeus den Bass, was dem Potential mal bestimmt keinen Abbruch tut. In etwas vertauschter Reihenfolge werden sämtliche Stücke von Chaos A.D. zum Besten gegeben, was reinhaut wie ehedem. Max' unvergleichliche Rhythmik & Vocals, Igorr, der prügelt, als ob er noch um die Zwanzig wäre plus Amadeus, dem es einfach nicht gelingt, stillzustehen. Travis Stone an der zweiten Gitarre hat sich seine Adoption in die Cavalera Familie eh längst verdient. Der Truppe gelingt es, das gut dreiunddreissig jährige Kultalbum nicht bloss herunterzuspielen, sondern diesem (noch immer) dringende Aktualität abzutrotzen. Ein Set, welches sich nicht so schnell vergessen lässt! 

Vor dem Auftritt von MEGADETH herrscht nervöses Gedränge im Medienzelt. Im Laufe der letzten Tage hatte man sich vorgängig auf einer Fotoliste einzutragen, dazu noch jenes Commitment zu unterzeichnen. Nun denn. Mustaine eröffnet mit Tipping Point vom aktuellen Album, wobei gerade mal klar wird, dass der Maestro selbst sich mehrheitlich der Rhythmusgitarre verpflichtet fühlt. Komplexere Parts (oder Solos) werden von Teemu Mäntysaari (WINTERSUN) übernommen, der scheints in Zürich wohne - oder aber diese zumindest als «Hometown» bezeichnet. Ein Saiten-Ausnahmekönner sowie einer der wenigen Live-Gitarristen, mit dem Dave sich Zusammenarbeit vorstellen kann. Jedenfalls ein Genuss, ihm zuzuhören. Der Bandleader selbst wirkt durchaus fragil, während seiner Stimme intime Brüchigkeit anhaftet, was Songs wie eben Tipping Point zum Erlebnis macht, anderen Kompositionen notwendige Rauheit kurzum verweigert. Schwerpunktmässig werden Stücke von Megadeth (2026), Countdown To Extinction (1992) und Rust In Peace (1990) präsentiert, wohingegen Mechanix sowie Peace Sells als einzige prä-Neunziger Songs den Einzug in die Setlist geschafft haben. Alles in allem erleben wir einen etwas durchwachsenen Auftritt von MEGADETH, geprägt von Höhen und Mitten. 

Day Two

Fotos siehe HIER.

Als Erstes erleben wir EYEHATEGOD auf der Mainstage gleich NOLA-Kaputtsound bei leichtem Nieselregen. Sprich Regenschirmblicke wie Scherenschnitt, während das Quartett ihr 1993er Kultalbum Take As Needed For Pain von vorne bis hinten spielt, was superheilig in die Gedärme fährt. Wer nachher kein Bier braucht, scheint ein harter Kerl (resp. Kerlin) zu sein, denn ähnlich wie Chaos A.D. hat auch dieses Album nichts an Unwillkür verloren.

Zwischen menschlichen Leibern hindurch schieben wir uns Meter für Meter zum etwas unglücklich gelegenen Medieneinlass der Parkstage, wo der Auftritt von CORONER ansteht. Wie uns von mehreren Seiten versichert wurde, haftet denen hierzulande nach wie vor riesiger Kultfaktor an. Die Schweizer eröffnen (wie erwartet) mit Consequence und liefern bei leichtem Nieselregen eine einwandfrei vorgetragene Abfolge aktuellen und älteren Materials aus eigener Feder. Ein Auftritt für Audiophile, denn Bühnen-mässig geben sie sich sehr konzentriert. Was auf jeden Fall passt.

DER WEG EINER FREIHEIT spielen wiederum auf der Void Bühne und eröffnen den Reigen mit Marter von Innern (2025), ein düsterer Track, der wie aus einem Traum zu erwachen scheint und strudelnd sich allmählich in lichtgetränkte Höhen windet, dass du gleich mal in Verzückung gerätst. Ein unglaublich intenses Set, welches die Würzburger heute abliefern, rhythmisch präzise, atmosphärisch flächig, gleichzeitig kompakt, hart, dennoch aber auf eine Weise sehnsuchtsmelodisch kontrastiert, das einmal mehr jener Heaven & Hell Moment Einzug hält. Was willst du mehr?

Sich im Anschluss auf DEATH TO ALL einzustellen, stellt eine Herausforderung dar. Noch dazu deren Auftritt zwar griffig, dennoch irgendwie bemüssigt wirkt. Dass es irgendwie an Innereien fehlt, möchte man behaupten, Chucks schöne Stücke aus dem Kontext gelöst wirken. Als dann noch zur prätentiösen Schuldiner-Memorial Rede angesetzt wird, verziehen wir uns in Richtung täglicher Welcome Drink zur Bühnenbar.

So nebenbei freut man sich längst auf DOWN, wobei du dich im Grunde fragst, weshalb. Aber egal. Auf der Bühne versammeln sich Musiker mit ansehnlichem CV, worin Arbeitgeber wie CORROSION OF CONFORMITY, CROWBAR und/oder PANTERA aufgeführt sind. Am Mikro jener umtriebige Phil Anselmo, der gestikulierend auf die Bühne stürmend dem Mischpultmenschen sogleich zu verstehen gibt, verdammt noch mal sämtliche Regler ganz nach oben zu schieben. Während er Texte mal wütend, mal down intoniert, wirkt der Mann totalpräsent, dass jede/r sich gleich höchstpersönlich angesprochen fühlt. Dazwischen geizt er nicht mit kantigen Sprüchen und wenn ihm gerade sonst mal nix einfällt, weicht er auf artikuliertes Gegrunze aus. Was in etwa wett macht, dass Anselmo den Vorlagen seiner Studioalben in Sachen Bandbreite & Schmutz stimmlich etwas hinterherhinkt. Die klasse Band vermag das Frühwerk NOLA (1995) ins cineasitische Grossformat zu übersetzen. Stampfende Rhythmen, scharf gespielte Riffs plus herrlich nörgelnde Solos fühlen dann doch dem Blues auf den Zahn. Was es natürlich auch sollte. Gegen Ende des Sets entern Kollegen von CORROSION OF CONFORMITY die Bühne, worauf das Set mit dem Hit Bury Me In Smoke gemeinsam beschlossen wird. Ein gelungener oder gar ikonischer Auftritt.

Zum Abendessen gibt’s Zapiekanka von ZAPIEKANA STOCZNIA an der Łagiewniki 64A. Ohne Kommentar.

Day Three

Fotos siehe HIER.

Heuer packt uns frühmorgens um 11 Uhr genügend Energie, um den Zug nach Sopot besteigen, sprich Tourimodus. Dort finden wir jenes berühmt schiefe Postkartenhäuschen plus touristisch genutzter Postkartensteg plus jede Menge Postkartenmenschen. Das Meer präsentiert sich flach, wellenlos und riecht gerade nach gar nix. So heisst es Sonne genossen, in den blauen Himmel gestarrt plus ein paar Selfies abgesetzt, dass die zu Hause sich was denken.

Zurück ans Festival gelangen wir kulinarisch reichlich übersättigt oder aber gerade richtig für die polnischen TURBO, welche hierzulande scheint’s jede/r kennt oder kennen sollte.1980 ins Leben gerufen, seien diese massgeblich daran beteiligt gewesen, frühen Metal im Heimatland zu verankern. Andererseits scheinen jene vor der Mainstage versammelten Leute nicht allzu aus dem Häuschen, doch hatBegeisterung bekanntlich viele Gesichter. Der Gesang von Bartek Struszczyk überzeugt durch Variabilität, Instrumentalisten hinterlassen einen aussgekochten Eindruck, wobei vor allem die beiden Gitarristen ein virtuoses Händchen beweisen sprich flirrende Solis. Beim letzten Song sollte im Übrigen Urmitglied Gregorz Kupcyk noch das Mikro ergreifen, doch sind wir da bereits unterwegs. 

SCOUR spielen auf der Desert Stage, heisst Anselmo zum Zweiten, diesmal in schwarzmetallischer Angelegenheit, wobei Wurzeln sich nicht leugnen lassen. Schnell und hart durchgerifft trifft’s auf jeden Fall, wobei Phil seine Lyrics ab Zetteln ins Kurzzeitgedächtnis transferiert (ausser, er hatte diese aus Versehen bereits ins Publikum geschmissen). Der Sound insgesamt gelangt noisig grindig in Gehörgänge – oder sind es bloss meine?

Jedenfalls ist Pause angesagt und der Weg dorthin führt an den Gaming Katakomben vorbei, überschrieben mit: «Game Over You Died». Dort beugen Zombiemenschen sich über alttestamentarische Gameknüppel, schiessen verpixelte Flattervögel von flackernden Bildschirmen, üben Karate, wie nicht mal Bruce es vermochte oder verstecken ihren Avatar in düsteren Ecken, um abzuknallen, was ihnen über den Weg läuft (oder bereits kriecht). Kollege RF seinerseits mordet Enten, dass es wochenlang für Braten reichte.

Pünktlich aufs Gruppenfoto sind wir wieder im Medenzelt, danach bleibt Zeit, um zum Beispiel Gliedmassen zu sortieren. Auch die andern hängen eher matt in den Seilen, denn so ein Viertäger fordert seinen Tribut. MASTODON stehen als Nächste auf der Liste, danach taktet sich’s durch. Nach ihrem Crazy Train Intro ab Abspielgerät schmettert Tread Lightly (vom 14er Album Once More 'Round the Sun) aus den Mainstage-Lautsprechern. Diesmal live. RF sollte im Nachhinein berichten, dass der Auftritt der Rüsseltiere «ganz okay» gewesen sei.

Meine Wenigkeit bewegt sich bereits in Richtung Sabbath Stage, wo BÖLZER sich bereit machen. Ein ordentliches Weilchen verbringe ich am Smartphone hantierend im stockfinsteren Vorbühnenbereich und lausche einem Soundcheck, der nicht zu vollster Zufriedenheit zu verlaufen scheint. Bereits jetzt kriechen Fäden von Trockeneis über die Bühne. Mit dem hymnischen The Archer von Heroe (2016) steigt das Duo ins Set ein, was freut und Erinnerungen weckt. Beim zweiten Song vermute ich, dass es sich um einen des zu erwarteten Albums handelt resp. weiss es nicht besser. Gesangsparts wirken anspruchsvoll sowohl von der Melodieführung her sowie recht krassen Stimmlagenwechseln. Okoi scheint sich damit etwas schwer zu tun, doch pätestens bei Entranced by the Wolfshook kommt der BÖLZER ins Rollen und spielt befreit auf.

Danach muss ich mich in Richtung HULDER entschuldigen, welche ebensowenig verpasst werden wollen. Die Band mit Marliese Beeuwsaer huldigen auf der kleinen Void-Bühne urtümlichem, auf den Punkt gebrachten Zweitwellen-BM, der sich durch komplex zeitgemässe Arrangements auszeichnet. Das Ganze wird in naturgewaltiger Brachialität interpretiert und stimmt gleichermassen luzide wie beängstigend. Eine Band, die man sich ganz oben auf die Liste setzt!

Nach dem HULDER Sturm hören SAXON sich wie laues Lüftchen an. Biff trifft die Töne recht sauber, wenn auch gelinde gepresst, sowie die restlichen Musiker ihr Handwerk tüchtig versehen. Auf dem Screen im Bühnenhintergrund kann die Karriere der Briten anhand Albencovers nachvollzogen werden, was mich dann doch etwas schal dünkt. Denk PowerPoint und Laserpointer. Aus einer Laune heraus beschliessen wir, Zeit kulinarisch zu nutzen und bewegen uns in Richtung Mainstage Bar, wo wir uns je um ein Draft bemühen.

Nergals BEHEMOTH in Worte fassen zu wollen, fällt schwer. Bereits vor dem Gig kannst du die Spannung des polnischen Publikums nahezu mit den Händen fassen. Als der Mann endlich die Bühne betritt, brechen alle Dämme und die Security kriegt wortwörtlich alle Hände zu tun. Nergal feiert die «alternative» Messe, wobei solche oder ander Zeremonienmeister sich dicke Scheiben davon schneiden könnten. Das Publikum wird mit grossartigem Material und minutiös geplanter Inszenierung konfrontiert. BEHEMOTH performen Schwarzmetall auf Stadionniveau und meinen es dazu noch verdammt ernst damit. Als das Quartett im Schein von Feuerschalen zum Mischpult prozessiert, wo sie über den Köpfen der Gemeinde Nomen Barbarvm, gefolgt vom BATHORY Cover The Return of Darkness and Evil zelebrieren, ist der Kulminationspunkt erreicht. Zurück auf der Mainstage bereiten sie sich einen zwar furiosen Abgang, doch mag es nicht mehr so recht gelingen, an die Epiphanie anzuknüpfen. Mit dem hymnischen O Father O Satan O Sun! beschliessen sie das Set. Fazit? Für BEHEMOTH reist du besser nach Polen!

Für uns heisst es nun, Gerätschaften zusammenzupacken, sich da und dort zu verabschieden, dann den Weg durch das Areal ein vorderhand letztes Mal unter die Füsse zu nehmen. Ab nächstem Jahr finden wir uns in Letnica auf dem Areal der Polsat Plus Arena ein. Natürlich hoffen wir, die tolle CREW wieder vollzählig anzutreffen!  


Text by C. Sturzenegger


HeAvYmeTaL.ch ist ein gemeinnütziger Verein, der die Schweizer Metalszene nach Kräften unterstützt. Falls du einen Beitrag leisten willst: Von der eigenen Mitgliedschaft bist du DIESEN EINEN KLICK entfernt.

Verspürst du gar Lust, dich redaktionell zu betätigen, schreibst du uns am besten.


Fotos

Heathen

Overkill

Cavalera

Megadeth