Im Gespräch mit Thomas G. Fischer
Am Rande des Dark Easter Metal Meetings 2026, kurz vor Ostermontag, sitzen wir einmal mehr in den zusehends gemütlich werdenden Sesseln der Hotellobby. Uns gegenüber Thomas Gabriel Fischer, seines Zeichens Musiker, Pionier oder Ikone härterer Metal-Variationen.
Als treibende Kraft hinter Bands wie HELLHAMMER, CELTIC FROST und TRIPTYKON prägt und prägte er den Extreme Metal von heute wesentlich mit. Wobei es immer wieder gelang, für Überraschungen zu sorgen – oder aber Menschen gehörig vor den Kopf zu stossen. Vor allem jedoch zog er unbeirrt sein eigenes Ding durch. Wir unterhalten uns (recht ansatzlos) über den Lauf der Dinge, Kunst, Authentizität sowie allüberspannende Freundschaften.
T&C: Vielen Dank, dass du dich zu später Stunde noch zum Austausch mit HeAvYmeTaL.ch zur Verfügung stellst.
Tom: Sehr gern geschehen.
T&C: Wir starten gleich ansatzlos in die Achtziger-Jahre, als nicht nur Metallmusik Adoleszenz erlebte, sondern wir selbst ebenso. Welche Impressionen schiessen dir durch den Kopf, wenn du mehr als vierzig Jahre zurückdenkst?
Tom: Mir kommen Millionen Sachen in den Sinn [lacht]. Am Anfang war es enorm kultig gewesen, später dann katastrophal peinlich. Sämtliche Metalbands hatten irgendwie den Pfad verloren, wahrscheinlich weil sie – genauso wie wir – zu viel Haarspray eingeatmet hatten. Kein Wunder, kam anschliessend der Grunge auf und wischte erst mal alles weg. Die erste Hälfte der 80er-jedoch veränderte die gesamte Szene, und zwar im positiven Sinn. Es war eine absolut magische Zeit gewesen, weshalb ich mich extrem glücklich schätze, dass ich diese aktiv erleben durfte. Bis heute vergöttern und imitieren sehr viel junge Bands und Fans diese Epoche, was ich einerseits nachvollziehen kann, weil es schlicht aussergewöhnlich gewesen war, andererseits schön finde, dass es immer weiter- und weiterläuft. Auch wenn es sich häufig um Reproduktion handelt.
T&C: Wie ordnest du deine eigene Rolle im Ganzen ein? HELLHAMMER, CELTIC FROST und TRIPTYKON haben nicht wenig zum Kult beigesteuert.
Tom: Im letzten März waren es 45 Jahre her, seit ich zu spielen begonnen habe und 41 Jahre seit dem ersten CELTIC FROST Konzert, was kaum zu fassen ist. Nach wie vor bin ich noch immer damit beschäftigt, alles einzuordnen. Nach wie vor erscheint mir alles surreal. Damals waren wir Teenager aus einem schlichten Bauernkäffern gewesen, ohne Geld oder Beziehungen, wobei gerade diese Geschichte ja mittlerweile jede*r kennt... Dass unsere Träume dereinst wahr werden würden, hätten wir selbst am wenigsten geglaubt. Wir hatten höchstens gedacht, dass es vielleicht für ein, zwei Alben reichen würde, wonach dann definitiv der Schluss erfolgte. Heute jedoch sitze ich da, anno 2026, und spiele weltweit seit gut 40 Jahren als Headliner. Weisst du, das ist ein Riesengeschenk, was mit mir selbst mal gar nicht so viel zu tun hat, sondern eher noch mit den Leuten, die derart grosszügig gewesen waren, meine Musik zu hören und mir eine Chance zu geben. Noch nach Jahrzehnten. Immer noch.
Ich kann gar nicht oft genug DANKE sagen, weil es der Traum eines kleinen Teenagers anfangs 80er-Jahre gewesen war, der damals noch vor dem Plattenspieler gesessen hatte und mit dem Bass in den Händen versuchte, Black Sabbath-Riffs mehr zu entziffern oder diese zu erlernen, der davon träumte, für immer Musik zu machen. In der Anfangszeit waren wir getrieben von einer komischen Mischung aus Leidenschaft, Verzweiflung, Enthusiasmus und Schmerz, was sich alles zusammen in unserer Musik widerspiegelt(e). Kein bisschen Plattitüden-mässig-kommerziell, sondern vielschichtig extrem: Ein Sammelsurium von was weiss ich für Emotionen und Hintergründen, die wir alle mit hineingebracht hatten.
T&C: Was dich unserer Meinung nach von anderen Musikern abhebt, ist die Fähigkeit, stets etwas vollkommen Neues zu kreieren. Mir schien damals, dass du nie ganz zufrieden gewesen warst, egal, worum es ging, sondern stets gleich den nächsten Schritt im Kopf hattest.
Tom: In den frühen Zeiten war das bestimmt so, unterdessen ist es anders... [überlegt] Nein, das hat vermutlich verschiedene Gründe…
Erstens - wobei ich keinesfalls versuche, auf einen aktuellen Trend aufzuspringen - wäre bei mir wohl ADHS diagnostiziert worden. Das gab es damals ja noch gar nicht. Bereits in der Schule hatte ich Schwierigkeiten, mich zu fokussieren, weshalb mir sehr schnell langweilig wurde, was sich notgedrungen in der Musik äussert(e). Zweitens verstanden Martin und ich Musik tatsächlich als Kunst, nicht einfach als «Hobby-Headbanging-Saufen». Was wiederum nicht bedeutet, dass wir uns damals eingebildet hatten, Künstler zu sein. Noch heute verspüre ich Riesenrespekt vor diesem Begriff. Dennoch wollten wir gar wohl an den Punkt gelangen, wo Musik zur Kunst wird. Dass noch ein sehr langer Weg vor uns liegt, war uns mehr als bewusst. Obwohl wir noch blutige Amateure gewesen waren, verspürten wir die Ambition, nicht bloss Rotz, sondern Kunst zu machen. Darum versuchten wir uns immer wieder neu zu erfinden und hatten keine Angst davor, unsere Karrieren wegen einer «Idee» zu riskieren. Was ab und zu in die Hose gegangen war, aber ich glaube, sowas ist legitim.
T&C: Das «in die Hose gehen» kann einen ja auch weiter bringen…
Tom: Ja eben. Ich meine, es gibt wohl keine echten Künstler*innen, die eine stets gleichbleibende Laufbahn durchleben. Wenn du Kunst machen willst, musst du erst mal die Oberfläche wegkratzen, schauen, was darunter zum Vorschein kommt, dich selbst neu erfinden sowie bereit sein, die Leute vor den Kopf stossen. Was nicht immer gleichermassen funktioniert. Mit Cold Lake zum Beispiel fiel ich grausam auf die Schnauze, und doch hatte ich hinter den Kulissen enorm viel gelernt. Gerade dadurch bin ich wahrscheinlich ein viel qualitätsbewussterer Musiker geworden. Karrieretechnisch eine Katastrophe, hat es auf der anderen Seite zu mehr Professionalität geführt.
T&C: Was genau ist Kunst für dich? Oder wodurch zeichnet sich ein Künstler aus?
Tom: Was ist ein Künstler für mich? [überlegt] Es ist mir gewiss nicht auferlegt, dies zu beurteilen, auf jeden Fall aber jemand, der sich selbst ist, der nicht einfach andere kopiert oder auf einen Trend aufspringt. Sehr oft werde ich von jüngeren Musikern um Rat gefragt, worauf ich stets dasselbe antworte: «Du musst genau das tun, was in dir drin ist.» Denn heute ist alles bereits erfunden: Millionen von Riffs. Millionen von Bands. Alles bereits geschrieben, jedes Band Foto hast du schon mal gesehen, jede Platte zigfach gehört. Das Einzige, was nur du hast, ist deine Persönlichkeit. Deine Gefühle. Wie du die Welt empfindest, dir der Schmerz einfährt, die Freude, einfach alles. Das alles gehört nur dir allein und genau diese Quelle musst du anzapfen, um Musik zu machen – oder was auch immer du für Kunst ausüben willst. Sobald du jedoch versuchst andere zu imitieren, ist es keine Kunst mehr. Das Einzige, was dich (von anderen) unterscheidet, ist deine eigene Persönlichkeit. Die zu finden schwer, und selbst, wenn du sie findest, musst du sie umzusetzen in der Lage sein. Dies stellt einen Prozess dar, den du erst erlernen musst, doch dann eröffnet sich dir eine ganze Welt. Definitiv Kunst ist, wenn du tatsächlich Persönlichkeit erlangt hast.
T&C: Heute Abend hast du Martin Stricker (ehem. HELLHAMMER, CELTIC FROST; die Red.) erwähnt. Ist das grad aus dem Moment entstanden oder…
Tom: Martin ist ein Teil von mir, auch wenn es keine einfache Beziehung gewesen war. Wir waren beide mit sehr feurigen Persönlichkeiten ausgestattet, wobei jeder seine Ideen bis ins Extreme verteidigte. Das letzte Mal, als ich mich mit Martin getroffen hatte, war zwei Wochen vor seinem Tod gewesen. Wir redeten darüber, dass wir sehr oft aneinandergeraten waren, Konflikte jedoch stets in etwas Kreatives umzuwandeln vermochten. Zuweilen führten wir feurige Diskurse, stritten uns über Monate, am Ende aber schafften wir es immer wieder, uns zu finden, die besten Ideen zu poolen und gegenseitig anzuerkennen: «Deine Idee ist ja eigentlich super!» So kam zumeist etwas Aussergewöhnliches heraus, was ein Geschenk darstellte. Ohne Martin wäre ich mit Gewissheit nicht der, der ich jetzt bin. Er selbst würde wohl dasselbe behaupten.
Wir lernten einander kennen, als ich gerade zwanzig geworden war und er ein sechzehnjähriger Teenager. Dazu noch war er der Einzige in der Gegend gewesen, der radikal dachte. So sagten wir uns schnell einmal: «Komm, wir machen das jetzt!», worauf wir ohne jegliche Sicherheit unsere Jobs kündigten, um den weiteren Weg gemeinsam zu gehen. Auch wenn es jetzt furchtbar klischiert klingt: Martin wird immer Teil von mir bleiben und es vergeht kein einziger Tag, an dem ich nicht an ihn denke. Es fehlt mir, mit ihm im Proberaum zu sitzen, ein Demo zu hören, zu überlegen, was wir daraus machen würden. Jedes Riff gingen wir zusammen durch und diskutierten jede Songtextzeile. Obwohl Martin selbst kaum Musik geschrieben hatte, war er trotzdem voll drin, gerade weil wir einfach alles gemeinsam durchgekaut hatten. Sowas kannst du nicht ersetzen, den Martin gibt es nicht zweimal.
T&C: Ich kann mich noch gut ans erste CELTIC FROST Konzert in der Grabenhalle St. Gallen erinnern, das muss 1985 gewesen sein. Für uns Landeier wart ihr mit euren Nieten und Spikes die ganz bösen Jungs aus der grossen Stadt…
Tom: [grinst] Wenn’s sein muss, kann ich noch immer ordentlich böse sein...
T&C: Dazu kam noch dieses Radikale, dass es nämlich nur diesen einen Weg geben durfte, alles andere war Posertum gewesen.
Tom: Ach, weisst du, in der Schweiz wurden wir damals extrem ausgegrenzt. Man lachte über uns, kein Label gab uns eine Chance, in Zürich hätte uns niemand für ein Konzert gebucht. Deshalb spielten wir unsere ersten beiden Konzerte in St. Gallen. Je mehr wir verlacht und ausgegrenzt worden waren, desto radikaler wurden wir und sagten: «Nein, wir wissen selbst, was richtig ist und wir ziehen es auch durch!» Wir waren ganz einfach der Überzeugung, es sei unsere Berufung. Sowas war natürlich zu spüren.
T&C: Berufung war es dann ja auch geworden…
Tom: Wir wussten damals noch nicht, dass es tatsächlich funktionieren würde. Du darfst es nicht mit heute verwechseln, wo ich einen bekannten Namen habe. Früher war das ganz einfach unsere winzige, selbstgemachte Welt, die wiederum eine Flucht vor den Umständen unserer Jugend darstellte.
T&C: Wenn es dir recht ist, noch eine letzte Frage zu Vanja, der Frau am Bass. Am DEMM stellte sie eine der wenigen Frauen auf einer der Bühnen dar. Wie stehst du dazu?
Tom: Selbstverständlich. Vanja und ich gründeten TRIPTYKON. Als ich bei CELTIC FROST ausgestiegen war, im April 2008, rief ich sie am selben Tag noch an und teilte ihr mit: «Jetzt machen wir gemeinsam eine Band!», weil wir schon seit Jahren davon sprachen. Vanja ist seit der allerersten Minute dabei und hat mich enorm dabei unterstützt, das Projekt umzusetzen. Ich musste ja vom Boden auf eine Band aufbauen, meine Karriere von Null auf neu starten. Ohne sie wäre das nie möglich gewesen. Jedenfalls werden wir so lange zusammenspielen, wie es nur irgend möglich ist. Sie ist ganz einfach ein ganz, ganz wichtiger Teil von TRIPTYKON.
Für Musikerinnen wäre ich bereits bei CELTIC FROST offen gewesen, doch herrschte dort wortwörtlich das Patriarchat. Nicht alle waren gleichermassen bereit gewesen. Bei TRIPTYKON sieht es zum Glück völlig anders aus. Wir schätzen es sehr, dass es heute – anders als in den frühen Achtzigern – extrem viele Musikerinnen gibt. Gibst du ein Inserat auf, bewerben sich ebenso viele weibliche wie männliche Kollegen. Auch bei meinem Sideproject TRIUMPH OF DEATH spielt eine Frau mit. Für uns ist das völlig normal, was es ja auch sein sollte. Doch ist Vanja mehr als nur unsere Bassistin, sondern genauso beste Freundin. Was ein absolutes Privileg darstellt, mit der besten Freundin oder dem besten Freund in einer Band spielen zu dürfen.
T&C: Herzlichen Dank für das offene und tiefblickende Interview! Nun wünschen wir dir verdiente Nachtruhe und einen guten Heimweg.
Interview & Text: T. Maag und C. Sturzenegger
Titelfoto: P. Weber
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