Drei oder mehr gute Gründe, ans DEMM zu reisen... Teil II

TEIL II: Wo sich das Getümmel lohnt und weitere Tipps


Wo wir uns in der Frontrow treffen

..und wie in jedem DEMM-Jahr, beschert uns das Organisations-Komitee wieder hochklassige Acts die von uns eine klare Empfehlung für den Aufenthalt in der Frontrow verdienen:

Zu Anfangszeiten als Death Metal gelabelt, wurden Chapel of Disease meinerseits sträflich ignoriert. Bis zu einem vom WDR Rockpalast gezeigten Auftritt am Rock Hard Festival. Was dazwischen für eine Entwicklung stattgefunden hatte, war in Worten kaum zu fassen. Das stilistisch enge Korsett des «Old School Death Metals» wurde teilweise abgelegt und mit lässigem Blues-Groove der 70er verbunden. Die unverkrampfte Freigeistigkeit im Kontrast zum Geprügel funktioniert. Und wie! Wer dachte, Classic Rock verknüpft mit einem Death Metal Unterbau wäre hart daneben, wird eines Besseren belehrt. Als Anspieltipp sei die komplette  «...And As We Have Seen The Storm, We Have Embraced The Eye” empfohlen. Danke ans DEMM-Team für die Verpflichtung einer wahrlich ungewöhnlichen, höchst eigenständigen Band.

Gegründet 2007 gab es bei den Österreichern von Asphagor noch gewisse Startschwierigkeiten. Mit Havoc und dem nachfolgenden Anti wurde klassicher Melodic-Blackmetal ohne Höhen (aber mit Tiefen..) vertont. Vorwürfe im Sinne, dass die 2 Werke schlecht bespielt sind, kann man der Band kaum machen. Es war eigentlich alles da: düsteres Riffing gepaart mit Screams und Blastbeat-Attacken. Nur die Eigenständigkeit fehlte komplett, es war nicht auszumachen, was genau Asphagor von gestandenen Grössen wie Dark Fortress unterscheiden sollte. Im Sumpf der restlichen Bands ging dies dann auch gnadenlos unter. Dies änderte sich mit dem dritten Studioalbum «The Cleansing» drastisch. Die nicht existenten Rhythmuswechsel und das langweilig plätschernde Songwritig der vergangen Platten wurden eliminiert und ersetzt durch kreative Ausflügen in epische, durchdachte Arrangements und Klargesängen, die saugut ins Gesamtbild passen.  Asphagor gelingt es, der feine Grat zwischen eingängig und anspruchsvoll zu meistern. Die Kurskorrektur und Weiterentwicklung stehen der Band gut! Dies wird auch auf dem kürzlich veröffentlichten «Pyrogenesis» in aller Konsequenz weitergeführt. Freunde des Melo-BM sei es also dringend empfohlen, sich in der Frontrow einzufinden.

Für Eïs oder ehemals Geist lohnt sich die Anreise nach München schon fast per se. Erst recht wenn die deutschen Schwarzmetaller das 15-jährige Bestehen Ihres "Galeere" Werks zelebrieren. Das immens interessante Konzept mit 5 überlangen Songs bewegt sich auf musikalischem Königsniveau. Die Dichte der Atmosphäre schafft die Band dann auch kaum wie eine andere auf die Massen loszulassen. Nach dem absolut überzeugenden Auftritt am DEMM 2018 kann man sich also nur freuen. Dasselbe gilt auch für Phantom Winter obwohl ein Ausdruck von "Freude" eher unpassend scheint. Der schwere, abgrundtief dreckige Black Sludge trifft in die Magengrube. Frühlingsgefühle Fehlanzeige. Winterdoom.

Abzüglich einer 4-jährigen Schaffenspause sind Nocte Obducta seit bald 30 Jahren unterwegs. Die Mainzer ordnen sich mehr oder weniger dem Black Metal zu, lehnen die zugehörige Szene jedoch ab. Im Song «Obsidian zu Pechstein» schön gesetzt: «eure elitären Hirne haben euren Geist verstossen». Traditionell klingt bei Nocte Obducta kein Album wie das andere, was es schwierigmacht, eine gewisse Zielgruppe anzusprechen. Was sich seit Gründung unverändert gehalten hat, ist der kauzig punkig abrasive Grundton, gepaart mit metaphernreichen Songtexten. Es braucht hier wohl generell etwas Zeit, um sich an die verschrobenen Songs zu akklimatisieren. Sobald die harte Schale durchbrochen ist, lassen sich viele interessante, abwechslungsreiche kleine Meisterwerke mit verschiedenen Stimmungen entdecken. Live dürfte das wohl nicht anders werden.  Aufmerksamkeit ist gefragt, liebe DEMM-Besucher!


Und sonst so?

Zudem bietet euch die nächste Edition des DEMMs weitere Bands die ein Ohr verdient haben:

Etwas schwer zu fassen sind die Tschechen von Cult of Fire schon.  Weit weg vom «Fast-Food» Black Metal gibt man sich dem hinduistisch-spirituellen Pfad hin. Ohne sich ordentlich mit den (Konzept)-Alben zu befassen, wird sich dem gemeinen Metalhörer kaum der Pfad zur ewigen Erleuchtung öffnen. Wer keine Lust hat oder das Durchhaltevermögen nicht aufbringt, sich in die komplexen Strukturen der Chaosgnostik einzuhören, dem sei der Auftritt des Vierergespanns trotzdem ans Herz gelegt. Kaum eine andere Band schafft es, sich optisch derart passend und imposant darzustellen. Ein Ritual von Musikern, die sich mit personeller Anonymisierung hinter Ihre Werke stellen, um diese ohne störende Nebengeräusche dem anwesenden Metaller um die Ohren zu hauen. Traditionalisten werden skeptisch mit den Schultern zucken, Freunde des Exotischen werden begeistert sein.

Ostern ist Krieg! Selbstbezeichnet mit der Geschwindigkeit eines MG42 Maschinengewehrs und der Durchschlagskraft einer schweren Schiffsartillerie rollt der Endstille-Panzer ans DEMM. Die Band gehört zu den wohl erfolgreicheren deutschen Black-Metal Bands der letzten Dekaden. Vergleiche mit den schwedischen Marduk werden nicht gerne gehört, ebenso die ewigen Vorwürfe auf irgendeine Art und Weise politisches Gedankengut zu vertreten. Musikalisch ist der Drops schnell gelutscht: Monotone Hochgeschwindigkeit und hier und da etwas Dissonanz. Absolut humorlos und frei von Experimenten. Auf der neusten Veröffentlichung «DetoNation» kann man dann doch von einer kleinen Weiterentwicklung sprechen: Das Trommelgeballer hat hie und da etwas Variabilität und ab und zu lassen sich Passagen finden, auf denen das Flakfeuer etwas zurückgeschraubt wird. Wer auf einen Abriss in Reinform Bock hat, wird am Auftritt der Kieler sicherlich seine Freude haben. Für alle anderen ist dann wohl Essens-/Bier-/Schlaf-/was auch immer Pause.

Wer sich in letzter Zeit mit Black Metal aus dem hohen Norden beschäftigt hat, wird sicherlich über Nordjevel gestolpert sein.  Im Ursprung eine Art Super-Group mit skandinavischen Szene-Grössen, spielt das Quintett pechschwarzen Metal und sinniert über Krieg, Zerstörung und was halt so dazu gehört. Schnell wird klar, dass hier nichts neu erfunden wird und man sich primär auf die Konservierung liebgewonnener Gewohnheiten aus der zweiten Welle des Black Metals konzentriert. Doedsadmiral lässt mit seinen Mannen hier nichts anbrennen. Technisch herausragend und präzise wie ein Uhrwerk. Messerscharfe Riffs und eine eisige Atmosphäre thronen über den Werken. Überzeugt alles in Teilen. Etwas weniger 1349, Ragnarok, Marduk etc., etwas mehr Innovation und Freude an der Abwechslung hätten nicht geschadet. Ist aber alles wie immer: Geschmackssache.

Eine noch grösstenteils unbekannte Band hat es dieses Jahr ebenfalls ins DEMM-Billing geschafft. Nach drei Single-Auskopplungen folgte im Jahr 2022 der erste Longplayer «Legion» der Österreicher. Zeitgleich tauchte die Band dann auch auf diversen kleineren Festivals und Konzerten wie dem «The Fall» in Wien auf. Jesajah spielen Black Metal in gemächlichem Tempo mit leichtem Death-Einschlag.  Auf Platte kommt dieses Gemisch gut, nutzt sich aber aufgrund des ähnlichen Aufbaus der einzelnen Songs dennoch mit der Zeit etwas ab. Soll jetzt aber kein dicker Minuspunkt sein. Es ist sicherlich nicht die überraschende Neuentdeckung, nichts, was man schon mal gehört hätte. Dennoch ist die Zugänglichkeit voll da. Solide schwarze Tonkunst, die auf der DEMM-Stage sicherlich ihr volles Potenzial ausschöpfen und zahlreiche neue Fans finden wird.

Das DEMM Österreich-Package wird von Theotoxin komplettiert. Gegründet 2016 können die Protagonisten bereits 4 Alben in voller Länge vorweisen. Wie bei den Gefährten von Asphagor und Jesajah wird hier in eine ähnlich dunkelschwarze Kerbe geschlagen. In stilistischer Hinsicht jedoch etwas verspielter und mit höherer Drehzahl als die beiden vorher genannten Bands, was insbesondere für die letzten zwei Veröffentlichungen gilt (Fragment: Erhabenheit und Fragment: Totenruhe). Die Wiener strotzen auf Platte nur so von Energie, sind bekannt für Ihre intensiven Live-Darbietungen und sind bestens dazu geeignet, eine der 3 DEMM-Bühnen in Schutt und Asche zu legen.


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(Text: P. Weber, veröffentlicht am 16.01.2024)


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